Dieser Baum hat biblische Zeiten erlebt!
Am meisten hat mich der Satz auf einer Erklärtafel fasziniert: „Dieser Baum hat mit seinen 3200 Jahren gleichzeitig mit Noah gelebt und hätte die Vertreibung der Israeliter nach Ägypten quasi mitverfolgen können“ – (wenn er damals in Israel und nicht an der Küste des Pazifiks gewachsen wäre ;-)). 3200 Jahre! Ein wahrlich biblisches Alter. Dass ein Lebewesen so alt werden kann, ist wirklich kaum vorstellbar. Jener Baum, der dieses biblische Alter erreicht hat, lebt heute zwar nicht mehr, doch im Redwood Nationalpark, der sich ausgehend von Crescent City etwa 100 km weit südlich entlang der Küste erstreckt, stehen etliche Baumriesen, die über 2000 Jahre alt sind. Die Begegnung mit den allerersten Mammutbäumen, die wir beim Visitor Center am äussersten Rand des Parks angetroffen haben, war allerdings etwas enttäuschend: Die Nadelbäume lugten mit recht dünnen Stämmen gen Himmel – und wir waren etwas verunsichert, ob wir mit unserer Entscheidung, statt des Sequoia-Nationalparks die Redwoods zu besuchen, keinen Fehler gemacht hatten. Denn die Redwoods (Sequoia sempervirens) seien nicht ganz so dick wie die Sequoias (Sequoiadendron giganteum), dafür mit bis zu 115 Metern Höhe die höchsten Bäume überhaupt. Doch schon bald kamen wir aus dem Staunen nicht in eher heraus: Wir fuhren entlang einer speziellen „Sightseeing-Strasse“, die teilweise bloss einspurig war und ein einfacher Kiesweg, mitten durch die unglaublichsten Wälder! Und plötzlich standen da meterdicke Stämme! Bäume, die wir mit unseren ausgesteckten Armen nicht mal mehr zu einem Sechstel umfassen konnten. Die Vegetation erinnerte uns – abgesehen von den Mammutbäumen – stark an die Wälder im Malcantone: wild und urtümlich wucherten Lorbeerarten, mannshohe Heidelbeersträucher, Kastanien, Thuja, wilde Rhodedendren, Farne und Brombeeren durcheinander. Nach der Vorlesung über Geobotanik bei Prof. Christian Körner, die Markus und ich letzten Herbst an der Uni Basel nochmals besuchten, wissen wir jetzt, dass sowohl im südlichen Tessin wie auch in Kalifornien im feucht-warmem Klima die sogenannten Lorbeerwälder als Hauptvegetation vorherrschen. Und tatsächlich konnten wir das erlernte Wissen nun überprüfen. Gleich zweimal fuhren wir mit unserem Mini-Jeep entlang der etwa 10 Kilometer langen „Aussichts-Strasse“, von der aus unterschiedlich lange Erkundungspfade abzweigen, die man dann zu Fuss erwandern kann. Die Besucher-Führung in den amerikanischen Nationalparks ist nicht schlecht, finden wir: es gibt nicht, wie in der Schweiz etwa, ein ausgedehntes Wanderwegnetz. Dieses zu unterhalten wäre in den riesigen Parks wohl ein Ding der Unmöglichkeit. Aber es gibt immer wieder einzelne „Trails“, auf denen es dann zwar ziemlich viele Touristen gibt, doch wenn man längere Trails auswählt, verteilen sich die Besucher ziemlich gut. Jeweils beim Einstieg in die Trails gibt es immer Toilettenhäuschen. Und so sieht man sich selten gezwungen, sein Geschäft hinter einem Baum zu verrichten. Man könnte durchaus auch tagelang auf Wegen laufen – einige Parks sind 40 und mehr Kilometer lang und man begeht sie mit Zelt und Rucksack. Meistens aber sind die Parks mit einem Netz von Strassen durchzogen, und man fährt quasi durch die Parks, die sich wie gesagt manchmal über 100 Kilometer weit erstrecken. Und nur gewisse Gebiete sind mit Fusswegen erschlossen. Im Fall des Redwood-Parks konnten wir die berühmtesten Redwoods, mehrere Gruppen von Baumriesen, über einen Pfad erreichen, der teilweise wie ein Steg durch den Wald führte. Mit Schildern und Seilen wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass man die Wege nicht verlassen soll. Auch gibt es freiwillige Helfer, die für ein Parkgebiet oder einen Pfad zuständig sind und dort kontrollieren, dass sich die Besucher auch an die Regeln halten. Ich persönlich schätze diese Art von Naturschutz sehr. Denn nichts ärgert mich mehr, als Menschen, die, um sich cool zu fühlen, beispielsweise Herzchen in einen Mammutbaum ritzen oder sonstwie mutwillig gegen Regeln verstossen, Feuer machen oder wild campen würden. Wir selber haben zwei Nächte auf einem schönen, ruhigen Campingplatz inmitten eines Waldestücks verbracht, das rund 5 Kilometer von der Küste entfernt etwas geschützt hinter einem Hügelzug lag. Es gab dort schwarzköpfige Vögel mit einem Häubchen (ähnlich dem Wiedehopf), mit einem dubkelblau-schillernden Federkleid. Wunderschön. Auch die kleinen, herzigen Streifenhörnchen näherten sich unserem Lager immer wieder. Sonst blieben wir ungestört. Bären – so lernten wir in einem anderen Waldstück – streifen bloss zwei- bis dreimal pro Jahr durch den Park. Und nähern sich wohl eher selten den Regionen, wo Menschen in der Nähe sind. Doch auch hier galt wieder: sämtliche Essensvorräte musste man bärensicher im Locker oder im abgeschlossenen (!) Auto verstauen. Bären wären so schlau und könnten eine unverschlossene Autotüre mit ihren Tatzen öffnen. Noch oft hielten in wir bei der Weiterfahrt gegen Süden auf dem Weg an und blickten ehrfürchtig entlang der mächtigen Stämme der Baumriesen in die Höhe. Die Mammutbäume brauchen offenbar das feuchte, oft neblige Klima an der Pazifikküste, um wachsen zu können. Hier im Redwood-Nationalpark, auf diesem schmalen, aber langgezogenen Küste streifen, wachsen 45 Prozent der gesamten Mammutbaumbestände weltweit! Es ist also umso wichtiger, Sorge zu ihnen zu tragen.
