Markus, mein Held
Hey, wir sind glücklich auf unserem Campingplatz im Yosemite Nationalpark angekommen. Es ist grandios hier. Fotos vom Park folgen. Vorerst müssen wir sämtliche Essensvorräte, Kosmetika inkl. Zahnpasta im bärensicheren Locker verstauen. Diesmal benutzen wir den Locker wirklich… denn hier hat es neben Schwarzbären auch grosse Grizzlys, mit denen nicht zu spassen ist. Wir haben jedoch extra auf einem etwas grösseren Camping mit Toiletten und fliessend Wasser (nur kalt) reserviert. Er war übrigens jetzt bei unserer Ankunft ausgebucht! Zuerst wollten wir auf einen kleineren, etwas romantischeren und weniger belebten Platz buchen, auf dem es jedoch nur ein Plumpsklo und kein Trinkwasser gegeben hätte, bloss ein Bach, um sich zu waschen. Ohne Bären hätten wir uns auf das Abenteuer eingelasen. So aber haben wir uns für den belebteren entschieden. Auch her ist sehr schön und familiär. (Es hat Kinder, Hunde etc. also die Bären würden wohl zuerst auf diese losgehen ;-)…
Markus, mein Held, ist heute die rund 300 Kilometer von San Francisco hierher und hoch auf knapp 1700 Meter alles allein gefahren und hat soeben auch noch das Zelt aufgestellt. Bin ihm sehr dankbar. Heute war nicht so mein Tag. Ich habe bloss den Locker eingeräumt und das WC-Häuschen inspiziert.
Unterwegs machten wir Mittagshalt in einem Ort namens Manteca (auf Spanisch „Fett, Schmalz“). Und ehrlich gesagt hat mich die Atmosphäre dieses Ortes ziemlich erschreckt und bedrückt. Einerseits mag es am krassen Klimawechsel gelegen haben. Während es an der ganzen Pazifikküste stets angenehme rund 20 bis 24 Grad tagsüber war und ein laues bis starkes Lüftchen wehte, heizte sich die Luft je länger je mehr auf und zwar rasant, sobald wir uns von der Küste ins Landesinnere bewegten. Schon rund eine halbe Autostunde ausserhalb San Franciscos kletterte das Aussentheremometers unseres Autos auf über 80 Grad Fahrenheit… und später am Mittag, als wir in Manteca hielten, glühte die Luft bei gefühlten 40 Grad (99 Fahrenheit). Besonders auf dem riesigen, asphaltierten Parkplatz, der so gross war wie drei Fussballfelder, flirrte die Luft. Rund um den Parkplatz reihen sich schlichte, nüchterne Fastfoof- und Supermarktfassaden. Aber während diese an der Pazifikküste noch relativ luxuriös und schmuck daherkamen, waren dies hier einfach heruntergekommene, lieblose „Versorgungsstätten“ und dürftige Einkaufsmöglickeiten. Im Supermarkt selber fielen mir die vielen farbigen Menschen auf: Schwarze, Hispanier, Asiaten, Natives, wenn weiss, dann älter, eher ärmlich gekleidet, eher korpulent. Verglichen mit den smarten, gut verdienenden Bewohnern der Ost- und Westküste der USA, in Städten wie New York, Washington, Boston , Philadelphia im Osten und Seattle, San Francisco oder Los Angeles im Westen schienen wir hier in Manteca, bloss 100 Kilometer vom reichen und teuren San Francisco mit dem Silicon Valley entfernt, im anderen Amerika angekommen zu sein: wo eher schlecht ausgebildete, wenig verdienende Menschen zu Hause sind, die Jobs an der Kasse oder in Fastfood Restaurants machen und selten aus ihrem Ort herauskommen. Gegessen haben wir in einem indischen Restaurant. Eigentlich hätte dies ja ein Highlight sein können, jedoch war auch hier die Stimmung bedrückt. Wir konnten beide nicht sagen, ob es daran lag, dass die etwa 16-jährige Tochter der Wirte, die uns bediente, vielleicht lieber zur Schule gehen würde als im Restaurant der Eltern zu arbeiten. Das Restaurant war riesig aber vollkommen leer. Erst gegen 14 Uhr kamen neben uns noch zwei Gästegruppen – jeweils indische Grossfamilien. Und plötzlich fand ich es irgendwie nicht mehr so lustig in diesem Land, sondern irgendwie unheimlich. Man kann sich vorstellen, wie es ist: in den schlecht bezahlten Jobs kaum Geld fürs Überleben zu verdienen, während die Lebensmittelpreise recht hoch sind. Vor allem Frischprodukte, aber auch Milchprodukte, alles was gesund ist, ist sehr teuer. Billig sind Zucker, Weissmehl und Fett. Und so ernähren sich die wenig verdienenden Amerikaner oft zwangsläufig sehr ungesund – weil Cola halt billiger ist als Mineralwasser ofer Fruchtsaft. Und Cookies, Muffins oder Buns für Hamburger günstiger sind als Haferflocken, Joghurt und Früchte für ein Birchermüesli. Scheinbar sind hier im Land zwischen den Küsten die Trump-Wähler zuhause. Weil er mit einfachen Worten und Rezepten Lösungen verspricht für komplexe Probleme. Für Armut, bessere Jobs, verspricht,dass die Teuerung zurück geht und der Lohn wieder zum Leben reicht. Erstmals begegnen wir einem anderen Amerika, und es wird mir etwas mulmig zumute. Auch dies gehört zu unserer Reise. Sobald wir in die Nähe des Nationalparks kommen, die Gegend einsam wird, die Hügel sich ausdehnen und endlose gelbe Grasssteppen und Pinienwälder die Kulisse beherrschen, vergeht das seltsame Gefühl bei mir wieder und ich kann mich an der tollen Landschaft wider freuen. Ich bin gespannt auf die nächsten drei Tage im Yosemite Park. Im Land des „El Capitan“, wo Ansel Adems legendäre Schwarz-weiss-Aufnahmen schoss, die Generationen von Fotografen prägten und heute noch inspirieren. Meinen Helden zum Beispiel …


